"Das Geisterspiel!"

Am 14. März sollte das letzte Aufeinandertreffen der Kontrahenten der Aufsteigsrunde stattfinden. Durch bekannte Umstände sollte das Spiel in einer Art Nacht und Nebelaktion über die Bühne gebracht werden. Die Mannschaften sollten in einem sogenannten „Geisterspiel“ die Meisterschaft zu Ende führen. Einzig das Schiedsrichtergespann und die Spieler durften sich auf der Kegelbahn versammeln...

Durch eine lang ausgeklügelte, zwar etwas straff sitzende, dennoch hochwertig bequeme und beinahe unsichtbare Verkleidung, gelang es mir, perfekt getarnt, Beobachter des Geschehens zu werden. Ich bemerkte schnell wie sich auch ohne Publikum das Spiel, ausgezeichnet durch unglaubwürdige Situationen, der ein oder anderen Überraschung in der Aufstellung und eine gespenstige Atmosphäre, schnell in einen wahrhaftigen Kegelzirkus verwandelte.

Wir schreiben also Samstag, den 14. März...

Gilzem. 07.12 Uhr. Treffpunkt Dichter. Mit einem vollgepackten 9-Sitzer geht es heute am frühen Morgen ins 350km entfernte hessische Bosserode, um den geplanten Wiederaufstieg perfekt zu machen.

Wegen des sich durch die ganze 1. Mannschaft ziehende Verletzungspech, stehen die Zeichen nicht gerade gut, jedoch wäre dieser Verein in den letzten Jahre nicht so erfolgreich gewesen, könnte er nicht auf klanghafte Namen des Kegelsports zurückgreifen.

„Denk immer dran, wenn du ein Ass aus dem Ärmel schütteln willst, musst du vorher eins reinstecken.“ mit dieser unmissverständlichen Botschaft geht’s nach der Begrüßung der anderen Teams zur Vorstellungsrunde.

Für die SKG treten heute an: Oliver Bartz, Alfred Schmalen, Michael Wirtz, Karl-Josef Bartz, Klaus Dichter und Sven Zenner. Als Ersatzfrau ist Andrea Dichter mitgereist.

Besagte Ersatzfrau macht ihren auf der Brust stehenden Initialen bei ihrer Einmurmelrunde wieder alle Ehre. „DA“, seit jeher die Formel für eine nicht ganz ziehende, aber dennoch sehr erfolgreiche „dünne Acht“.

Etwas erschöpft wirft sie sich ihr Handtuch über die Schultern. „So, ihr Affen, jetzt blamiert uns nicht. Die Manege ist frei!“

Los geht’s...

Im ersten Block tritt Linksfuß Olli Bartz gegen die Kugel. Sein Auftritt, eine Freestyleshow in der der Jonglagekünstler sein Repatoire an beneidenswerten Tricks ausschüttet. Ein Übersteiger hier, eine Zidane-Drehung da, letztendlich ein angeschnittener Knuckleball, der unhaltbar im Vorderholz einschlägt. Nach 60 Minuten stehts 1-0 für Gilzem, majestätisch grätscht Olli 806 Holz ins Netz.

Die Vorstellung im zweiten Block gehört Charly „Pfeifferson“ Schmalen. Der skeptische Blick unserer Geheimwaffe deutet auf vollkommende Konzentration hin. Mit viel Fingerspitzengefühl und einer ausdauernden Pferdelunge nebelt unser Charly Zug für Zug Wind aus den Segeln seiner Sparringspartner. Mit wahnsinnigen 810 Holz zeigt er, dass er noch lange nicht genug hat von diesem Sport.

Seit gefühlt 63 Jahren kegelt Michael Wirtz nun schon bei der SKG. Keine Frage also, dass sich das Ur-Urgestein in dieser Ausnahmesituation zu einer Präsentation seines Wissens auf die Bahn setzt. Eine glasbausteindicke Lesebrille und ein von ihm selbst gereimtes Lexikon über alle Bestandteile des Kegelsports lassen den 3. Block zu einer theoretischen Lehrstunde für die sperrlich gefüllten Ränge werden. Es scheint nichts zu geben, was dieser Mann nicht weiß. Mit 796 Holz und beinahe genauso vielen Floskeln steht am Ende dieser Darbietung ein mehr als gutes Ergebnis.

„Kegeln ist wie BMW fahren, das verlernst du nicht!“ Eine 20 Jahre lange Abstinenz von der Bahn stehen bei Karl-Josef Bartz auf dem Zettel. Zeit, in der der bescheidene Modelautosammler sich die Muße nahm, sich eine makellose Wurfhand zu schnitzen. Alles für dieses eine Comeback. In Akt 4 liefert er eine Informationsveranstaltung für die Beschleunigung von Elektromotoren. Sein Anwurf gleicht dem Gas geben mit einer fast täglich polierten i8-Karrosserie. Ein Anwurf wie eine Verfolgungsjagd. Ein Vorrantreiben der Kugel mit nackter Gewalt. Mit einer Gewalt, die nackter nicht sein könnte.  Nach 120 Vorführungen ist Schluss, 795 Holz am Ende einer sehr informativen und sportlichen Höchsleistung. Danke Karlchen!

Im 5. Block soll uns niemand geringeres als die Galionsfigur unseres Vereins, Klaus Dichter, vertreten. Seine Darbietung ist das Paradigma der Lässigkeit, wie eine Routineuntersuchung beim Zahnarzt. Eine Vorstellung, wie ein engelsgleicher Spaziergang auf Wolken, zeremoniell begleitet mit einer zarten Harfenmelodie. „Hooooooolz Klaus. Un noch eine!“ dröhnen sanfte Stimmen durch das weite Rund, ehe ich nicht zum ersten Mal in diesen mitreißenden Playoffs mit Gänsehaut bepinselt werde. Ein Durchgang wie ein nie enden dürfender Traum. „Su, well noch en` Block dann hu ma et gepahckt,gell“ Mit 826 Holz serviert uns Klaus einen genussvollen Leckerbissen seiner Küche und lässt wie immer keinen Raum für Kritik.

„Im 6. Block brauchst du Nerven aus Stahl“ Gut, dass wir mit Sven Zenner den Inbegriff von Nervenstärke in unseren Reihen haben. Der Gilzem-tättowierte Dybala und Capo der Ultrabewegung des Vereins spielt sich, dank der ihm wirklich liegenden Kulisse, in einen Rausch. Mit 740 Holz senst er die letzten Kegel dieser packenden Meisterrunde um.

Mit 4.773 Holz und dem 2. Platz hinter Bosserode sichern wir uns mit 3 Punkten und trotz der Widrigkeiten (das unvorhergesehe kolossale Verletzungspech von 7 Spielern) die inoffizielle Meisterschaft. Die Mannschaft liegt sich in den Armen und grenzenlose Freude breitet sich aus.

3 Wochen sollte ich nicht nur die 1. Mannschaft, sondern die gesamte SK Eifelland Gilzem in den Playoffs begleiten, die mir mit ihrer offenherzigen Freundlichkeit eine wirklich tolle Zeit geschenkt haben, welche noch lange weitergehen darf. Es war mir eine Ehre und eine wahnsinnige Freude.

#SKGAllezAllez #Aufstiegsrunde #ichwilldochnurkegeln

 

Hier kurze Informationen zum Autor:

Name: Sven Wagner

Hobby: Kegelbesessener, leidenschaftlicher, verrückter und begeisteter Fan (wird irgentwann mit Sicherheit mit einem Literaturpreis ausgezeichnet)

Sven Wagner hat das Kegeln dieses Jahr für sich entdeckt und bekam an seinem ersten Spieltag in Saarbrücken eine Aufenthaltsgenehmigung ausgestellt. Er wurde, wie es nicht anders zu erwarten war, in unserer SKG-Familie gut integriert und aufgenommen. "Da der verlorene Sohn, nachdem er längst verloren geglaubt worden war, Abbild vollkommener Herabgekommenheit, zerlumpt und abgezehrt, eines Abends plötzlich frisch wieder auftauchte, stand gewissermaßen Totes wieder lebendig auf, weshalb ihm alle Liebe naturgemäß wie wild entgegenstürzte."

 

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